Kassel. Man kennt ihn von zahlreichen akrobatisch-animatorischen Aktionen unter freiem Himmel. Er ist uns vertraut als mit-tragende Säule der „Kleinkünstler unterschiedlicher Größe“. Er ist der Favorit der kindlichen, jugendlichen und jung gebliebenen Klientel bei Straßenfestivals und Ortsbespielungen. Gerd der Gaukler, mit bürgerlichem Namen Gerd Mielke, Absolvent der Brüsseler Zirkus- und Theaterschule, seit 20 Jahren schon im Dienste der luftigen Kunst die Gesetze der Schwerkraft aushebelnd. Dennoch hat er lange vor einem eigenen Abendprogramm zurückgescheut. Dass er diese Abneigung nun überwunden hat, ist für die Freunde exquisiter Kleinkunst ein Glücksfall.

„Bekenntnisse eines Gauklers“ heißt Mielkes Solo, das im Dock 4 seine heftig bejubelte Premiere feierte. Keiner kann so mit Worten jonglieren und im Umkehrschluss mit Jongliergegenständen Geschichten erzählen wie dieser Flaneur zwischen Literatur und Artistik. Die Dreierbeziehungskiste von Erna, Fritz und Ernst etwa, im reportagehaften Zeitrafferstil erzählt, symbolisiert durch drei verschiedenfarbige Bälle – ein durch die Luft gewirbeltes Psychodrama. Der entfesselte Tanz eines Hexenbesens, mit einem eloquenten Subtext unterlegt, in dem als einziger Vokal der Buchstabe „e“ vorkam – ein raffiniertes Spiel mit den Polen Überschwang und Selbstbeschränkung.

Auch das Diabolo dient Gerd Mielke nicht einfach als Instrument für Kunststücke. Mit ihm illustriert er vielmehr sinnfällig den Trudelkurs seines Lebensschiffchens, vom hoffnungsvollen Aufbruch bis hin zur immer gegenwärtigen Gefahr des Kenterns.

Dass sich zu guter Letzt die Zugabe auf dem Hochrad nicht nur als hals- sondern ebenso als zungenbrecherischer Balanceakt entpuppte, war dann das hochprofessionelle, gebührend gefeierte Tüpfelchen auf dem „i“. Ein wunderbarer Abend, dem hoffentlich weitere folgen werden.

 

Beziehungskisten mit bunten Bällen

Gerd der Gaukler stellte im Dock 4 sein erstes Abendprogramm vor –
Premiere heftig bejubelt.

HNA, Kassel, 20.03. 2004
Von Verena Joos

... Bleibt zu erwähnen, dass die vielleicht größten Nutznießer dieses Festes, das ist keineswegs selbstverständlich, die Kinder waren. Und die Erwachsenen, die mit ihnen den wunderbaren Auftritt von „Gerd, dem Gaukler“ erlebten. Gerd ist Komödiant, Bühnen-Kommunikationswunder, exzellenter Jongleur und Einradartist in einer Person. Mit seinen Tricks hebt er auf wundersam skurrile Weise die Schwerkraft aus den Angeln, mit seiner Conférence zaubert er ein Lächeln auf das Gesicht selbst des griesgrämigsten Betrachters. Distanzierte machte er zu Mitwirkenden, kleine Tolpatsche zu Equilibristik-Virtuosen. Der Hunger nach „Zugabe!“ wollte kein Ende nehmen. Und das war selbstverständlich.

 

Die Sängerin und der Gaukler – die Werkstatt feierte ihren
25. Geburtstag

HNA, Kassel, 03.05.2002

Kann man auf einem Kartoffelpuffer reiten? „Natürlich“ meint Gerd, „aber nur mit mentaler Unterstützung der Zuschauer.“ Gerd muss es wissen, denn er ist Gaukler, und Kartoffelpuffer ist der Name seines Hexenbesens, den er trainiert. Nur eins von vielen, die er am „Osnabrücker Samstag“ präsentierte.
….Der Domvorplatz war ganz in der Hand von Gerd (Mielke), dem Gaukler. Ein Handwerkszeug sind Einräder, Bälle, Keulen und Obst, „eben alles, mit dem man auch jonglieren kann“, sagt Gerd. Auch den Diabolo lässt er springen und singen. Allerdings geht nichts ohne das Publikum. Beispielsweise sein „gefährlichstes Kunststück“, wie er die Einradfahrt mit Passagier nennt. Der neunjährige Phil Specht war einer der waghalsigen Kandidaten, der auf den Schultern des Gauklers Platz nahm und zusammen mit ihm eine Einradfahrt unternahm. Natürlich nur bestens gesichert durch eine modische Lederkappe.
„Wir werden stürmischen Applaus ernten“, prophezeite Gerd, „aber bitte nicht verbeugen“, mahnte er zugleich seinen Passagier, denn das hätte vermutlich fatale Folgen auf dem harten Pflaster. Gerd der Gaukler hat bereits eine ansehnliche Straßenkünstlerkarriere vorzuweisen: Von London bis Florenz und von Asien bis Osnabrück reicht seine Straßenerfahrung. Auch auf der Maiwoche ist Gerd seit 1984 regelmäßig vertreten. Im Moment tritt er in Kassel mit 12 weiteren Künstlern auf. „Kleinkünstler unterschiedlicher Größe“ nennt sich die Künstlergruppe.
Beim „Osnabrücker Samstag“ präsentierte Gerd den Zuschauern außerdem eindrucksvoll seine Qualitäten als „Hexenbesentrainer“. Hier kam „Kartoffelpuffer“ wieder ins Spiel und vor allem die Kinder erkannten eine gewisse Ähnlichkeit zu bekannten Hexen oder Hexern. Auch bei der wahren Expobeschäftigung der Besucher, dem Schlangenstehen, hat er sich einen Namen gemacht. „Ich war umfangreicher Warteschlangen-Entertainer“, berichtet er stolz.

 

Hinter den Fassaden
Portraits aus dem Landkreis Kassel
Kirsten Alers, Kaufungen 2000

Jonglieren mit Erna, Fritz und Ernst
Gerhard Mielke – Gaukler

Gerd der Gaukler ist ein Beispiel dafür, dass es sogar in Nordhessen Orte gibt, in denen man sich freiwillig niederläßt. Und selbstredend dann auch wieder ein Beispiel dafür, dass die Zugezogenen das Leben in diesen Orten entscheidend mitgestalten.

Aber in Kaufungen lebt und arbeitet der am 28.09.1956 in Bielefeld geborene Gaukler erst seit 1996. Und Gaukler war er auch nicht von Anfang an. Nach dem Abitur studierte Gerhard Mielke in Münster Diplompädagogik. Die ersten zarten Jonglierversuche gab es auf einem Musikfestival 1981 in Dänemark. Er hatte Feuer gefangen, übte zuhause weiter mit Apfelsinen, Kartoffeln und Vollholzkeulen. Und schon 1982 wagte er mit drei anderen den ersten Auftritt auf einem Bielefelder Flohmarkt: Jonglieren, Akrobatik und Theater – der Erlös reichte für Kakao und Kuchen. Nach einer Miniskusverletzung erfand Gerhard Mielke seine erste reine Jongliernummer: die „Dreierbeziehung“, bei der er seinem begeisterten Publikum, während die drei Bälle Erna, Fritz und Ernst umeinander kreisten, über deren kompliziert-komisches Dreiecksverhältnis erzählte. Das war der Durchbruch: Gerd der Gaukler hatte „sein Ding“ gefunden und legte im Sommer 1984 richtig los. Seine erste Tournee fand per Fahrrad und mit dem Rucksack auf dem Rücken in Westfalen statt. Am Ende hatte er einen Reingewinn von 100 DM übrig. Auch zu zweit mit einem Freund überzeugten sie mit eigener Ausstrahlung und Anfängercharme als D.Solat & D.K.Dent. Aber Gerd der Gaukler wollte mehr. Er übte in den folgenden Jahren mit Einrad und Diabolo, besuchte ein Jahr die Theaterschule in Brüssel, erlebte sein wildestes Straßenjahr während der documenta 1987 in Kassel und lernte noch ein weiteres Jahr an der Zirkusschule ebenfalls in Brüssel. Aber seine Spezialität blieben die Nummernprogramme mit Jonglieren und Einrad, mit denen er sich in seinen Wuppertaler Jahren (dorthin war er über die Rotzfreche Asphalt-Kultur gekommen) etablierte und bundesweit einen Namen machte. Gerd der Gaukler bietet kurze bis eineinhalbstündige Programme für gebannte Kinder und staunende Erwachsene. Er tritt auf (privaten) Festen, bei Geschäftseröffnungen, in sozialen Einrichtungen oder in Kooperation mit anderen Jongleuren und Clowns (Kleinkünstler unterschiedlicher Größe) bei Großveranstaltungen auf – und im Sommer 2000 als Warteschlangenentertainer bei der EXPO. Heute bleiben mehr als ein paar Mark Reingewinn übrig, aber immer noch hat Gerd der Gaukler Lampenfieber vor mancher Vorstellung – nicht zuletzt deshalb, weil er besonders seine jungen Zuschauer in die Tricks mit brennenden Fackeln oder wirbelnden Besen mit einbezieht und immer spontan mit Wort und Tat auf das Publikum reagiert. Keine Bühne schafft Distanz, ganz nah erlebt man den Gaukler – und er sich auch selbst immer wieder anders.

In Kaufungen fühlt sich der Gaukler sehr wohl, er mag die kleinstädtisch-vertraute Atmosphäre und die anderen interessanten Menschen hier. Mit zwölf von ihnen hat er eine nachahmenswerte Kochgemeinschaft, die ihm jeden Werktag ein warmes Mittagessen und alle 14 Tage die Aufgabe beschert, für alle einzukaufen, zu kochen und den Abwasch zu erledigen.

 

Feuer und Flamme für die Kirche – ein Kirchenfest in Schnellrode

HNA, Kassel, 06.06.2001

... Ein Grund, nach der Beendigung der Arbeiten, fröhlich und ein bisschen vergnügt zu sein. Dafür sorgte am Sonntag „Gerd der Gaukler“, der mit seinen Einfällen Jung und Alt gleichsam verzauberte. Dass er manchmal eine Hilfe brauchte, um auf sein Hochrad zu kommen, gelegentlich etwas farbenblind und taub war, Schwierigkeiten mit dem Zählen bis Zehn hatte, das trat in den Hintergrund angesichts seines sonstigen Könnens. Er war fit auf seinem Einrad und Hochrad, mit den Diabolos, Keulen, Kugeln – und fit mit vielen Tricks. Ein Rätsel, wie er die Schwerkraft mit dem fliegenden Hexen-Besen „Kartoffelpuffer“ überwinden konnte ...

 

Man kann auch auf einem Kartoffelpuffer reiten
Gaukler-Kunststücke am „Osnabrücker Samstag“

Neue Osnabrücker Zeitung 17.06.2002